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Venezolanische Pferde-Enzephalitis: auch für den Menschen pathogen

Die venezolanische Pferdeenzephalitis (VEE) ist eine Arbovirose mit erheblicher veterinär- als auch humanmedizinischer Bedeutung in einigen Regionen Mittel- und Südamerikas. Erstmals wurde das Virus 1938 in Venezuela aus dem Gehirn eines an einer Enzephalitis erkrankten Pferdes isoliert. In den letzten 40 Jahren kam es wiederholt zu größeren Epidemien in der Pferdepopulation Mittelamerikas. Bei einer Epidemie im Jahr 1995 erkrankten an die 100.000 Menschen in Venezuela sowie Kolumbien.

Das venezolanisches Pferdeenzephalitis-Virus (VEEV) gehört zur Familie der Togaviridae, Genus Alphavirus. Es lassen sich mehrere Subtypen des Virus, die sich  möglicherweise hinsichtlich ihres Potentials zur Auslösung von Epidemien, unterscheiden. Die VEE kommt sowohl enzootisch als auch epizootisch vor.

Übertragen wird VEEV durch den Stich verschiedener Mückenarten, wie Culex-, Mansonia-, Aedes-, Ochlerotatus- und Psorophora-Spezies. Hauptwirte sind verschiedene Equidae wie  Pferde, Maultiere und Esel. Alle größeren Ausbrüche von VEE unter Menschen waren zuvor mit  einer Vermehrung des Virus in Equidae assoziiert. Nur bei größeren Epidemien ist auch der Mensch-Mücken-Mensch-Übertragungszyklus von epidemiologischer Bedeutung. Daneben scheinen auch diverse andere Säugetiere, wie Hunde, Katzen, Schweine und Rinder wie auch zahlreiche Vogelarten als tierisches Reservoir dienen zu können.  

Nach einer nur wenige Tage dauernden Inkubationszeit beginnt die Erkrankung mit Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Übelkeit, Diarrhoe sowie Atemwegsbeschwerden. Nur bei etwa 2 bis 5% der Patienten kommt es zur Beteiligung des zentralen Nervensystems, wobei hier die Enzephalitis mit Konvulsionen, Paralysen, Bewusstseinstrübung bis hin zum Koma im Vordergrund steht. Letale Verläufe sind in etwa 0,5 bis 1,0% möglich. Defektheilungen mit mentaler Retardierung, Paralysen oder Konvulsionen sind nach dem Überstehen einer Enzephalitis nicht selten. Bei einer Infektion in der Schwangerschaft wurden teratogene Schädigungen sowie ein intrauteriner Fruchttod beobachtet.

Die Therapie erfolgt symptomatisch sowie supportiv. Eine spezifische antivirale Therapie steht nicht zur Verfügung. Der Diagnostik der VEE erfolgt durch den Nachweis viraler Genome mittels Nukleinamplifikationsmethoden. Für den Nachweis spezifischer Antikörper stehen verschiedene serologische Methoden zur Verfügung. Diese Untersuchungen wird jedoch nur von wenigen Referenzzentren durchgeführt.  

Aktive formalin-inaktivierte Impfstoffe ("C-84") wurden zu militärischen Zwecken sowohl für den human- als auch veterinärmedizinischen Bereich entwickelt, sind jedoch nur eingeschränkt verfügbar. Bisherige Daten aus klinischen Studien belegen, dass der Impfstoff nicht nur immunogen, sondern auch gut verträglich ist. Schwere unerwünschte Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet. 

Beste Prophylaxe zur Vermeidung einer VEE ist die Anwendung von Repellenzien sowie das Tragen körperbedeckender Kleidung in endemischen Gebieten. Insbesondere bei Tätigkeiten in der Landwirtschaft oder Aufenthalt in ländlichen Endemiegebieten besteht eine Infektionsgefahr. Da sich der Erreger in Zellkultur problemlos hochtitrig vermehren lässt und das Virus in aerosolierter Form für den Menschen ansteckend ist, gilt VEEV als potenzielles Agens für biologische Waffen.

Nach dem Infektionsschutzgesetz besteht für den Nachweis einer akuten venezolanischen Pferdeenzephalitis keine Meldepflicht. Sollte es jedoch zu einer örtlichen und zeitlichen Häufung von Infektionen kommen, besteht nach §7 eine Meldepflicht.

Text: Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinischer Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg

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