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Coltiviren: Seltene durch Zecken übertragene Erreger

Bei den verschiedenen zecken-assoziierten, humanmedizinisch relevanten Coltiviren handelt es um eine Gruppe von Erregern, die in unterschiedlichen geographischen Regionen vorkommen und febrile Krankheitsbilder mit Affektionen des zentralen Nervensystems (ZNS) verursachen können. Coltiviren sind RNA-Viren und gehören zur Familie der Reoviridae. Zu den humanrelevanten Coltiviren werden dem Colorado-Zeckenstich-Fieber-Virus (CTFV), das Eyach-Virus und Bannavirus gerechnet. CTFV, erstmals 1946 isoliert, ist in der amerikanischen und kanadischen Region der Rocky Mountains endemisch.

Übertragen wird es am häufigsten durch Zecken der Gattung Dermacentor. Tierisches Reservoir des Virus sind verschiedene kleine Säugetiere, wie Nager, Eichhörnchen und Kaninchen. Klinisch äußert sich Colorado-Zeckenstich-Fieber durch plötzliches Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, retroorbitale Schmerzen, Photophobie, Myalgien, abdominelle Schmerzen sowie Malaise. Bi- oder triphasische Fieberverläufe über 5 bis 10 Tage sind möglich. Zu den wichtigsten Komplikationen zählen eine Meningitis, Enzephalitis, Perikarditis, Myokarditis und Orchitis. Eine Hospitalisierung kann bei etwa 20% der Erkrankten notwendig werden. Im Blutbild zeigt sich eine Leukopenie und Thrombozytopenie. Im Liquor findet sich eine lymphozytäre Pleozytose.

CTFV lässt sich aus dem Blut in Zellkultur isolieren. Für den Erregernachweis steht zudem ein Nukleinamplifikationstest zur Verfügung. Für den Antikörpernachweis wurden diverse serologische Methoden etabliert, die in spezialisierten Labors durchgeführt werden können. 

Eyach-Virus wurde 1976 aus Zecken der Gattung Ixodes, die auch das Frühsommermeningoenzephalitis-Virus und Borrelien übertragen, in Deutschland isoliert. Antigenetisch ist das Virus eng mit CTFV verwandt. Als tierisches Reservoir gelten verschiedene Säugetiere, wie Kaninchen, Mäuse, Rehe, Ziegen und Schafe. Die klinische Bedeutung des Eyach-Virus ist weiter unklar. Es wird vermutet, dass eine Infektion mit dem Virus mit fieberhaften Krankheitsbildern sowie neurologischen Affektionen einherzugehen scheint. Testmöglichkeiten für den Erreger- sowie Antikörpernachweis stehen nur in einigen Forschungslabors zur Verfügung.

Bannavirus gehört neben Kadipirovirus und Liao-Ning-Virus zum Genus Seadornavirus. Diese Viren sind in Südostasien, insbesondere VR China und Indonesien, endemisch und werden durch Moskitos übertragen. Als humanpathogen gilt jedoch insbesondere Bannavirus, welches wiederholt bei Patienten mit Enzephalitis isoliert wurde. Typischerweise kommt es bei der Bannavirus-Infektion zu grippeartigen Symptomen, Myalgien, Arthralgien und Enzephalitis. Für den Erreger- sowie Antikörpernachweis wurden Testsysteme etabliert, die allerdings in Deutschland nicht verfügbar sind.

Da diese Erreger bislang nur wenig bekannt sind, dürften Infektionen in Deutschland bei Reisenden bisher, wenn überhaupt, nur selten nachgewiesen worden sein. Da jedoch Eyach-Virus zumindest in Deutschland und Frankreich endemisch ist, dürften unerkannt gebliebene Infektionen durchaus vorgekommen sein. Insbesondere sollte die Bedeutung von Eyach-Virus bei Affektionen des ZNS weiter abgeklärt werden. Da es in den letzten Jahren zu einer Zunahme der Zecken-(Ixodes)-Population in Deutschland gekommen ist, sollte daher mit einem Anstieg von Eyach-Virusinfektionen gerechnet werden.

Eine spezifische Therapie steht für keine der genannten Infektionen zur Verfügung, so dass die Behandlung lediglich symptomatisch erfolgt. Eine durchgemachte Infektion hinterlässt eine langandauernde Immunität.
Eine Meldepflicht besteht nach dem Infektionsschutzgesetz für die Erreger nicht. Sollte es allerdings zu eine Häufung von Fällen gekommen sein, besteht eine Meldepflicht nach §6.

Text: Prof. Dr. Tino F. Schwarz, Facharzt für Laboratoriumsmedizin, Medizinischer Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, Würzburg

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